Neuer Tagebucheintrag auf kleemusik.de

Suzie berichtet über den Jetlag, die Ankunft in München, das Treffen mit den Fans und über das letzte Konzert des Jahres,

„…denn das was wahr ist, für immer da ist,
für immer da ist, für immer wahr ist!“ …

München „Music for Goals“ und „Sag zum Abschied leise Servus“

Nach gefühlten hundert Stunden Flugzeit landete die Maschine aus Peking pünktlich am Münchner Flughafen. Wir krochen aus dem Flieger wie aus einem Kokon. Nur leider mit dem biologischen Paradoxon, dass wir uns als Schmetterlinge in Peking eingepuppt hatten und als „blasse, madenartige Zombies“ in Deutschland aus der Maschine heraus krabbelten. Ein bisschen frische bayerische Luft wird sicherlich Wunder bewirken, dachte ich noch und schon saß ich in einem Shuttlebus, der uns zum Hotel bringen sollte. Jede vergangene Viertelstunde fühlte sich von nun wie ein Filmriss an. Das ist also der berühmte Jetlag!

Somit machte es auch nicht wirklich etwas aus, dass wir am Hotel nur eine halbe Stunde Zeit zum Einchecken, Auspacken und frisch machen hatten. Morgen ist ja schließlich Halloween. Der Shuttlebus-Fahrer wartete schon ungeduldig vor dem Hoteleingang auf uns, als wir relativ pünktlich wieder unten waren. Wir nahmen es mit chinesischer Gelassenheit und ignorierten seine grantigen und unverständlich fränkischen Bemerkungen, als er uns zum „Meet and Greet“-Abendessen in ein jüdisches Restaurant mit koscherer Küche brachte. Dort wurden wir von den „Music for Goals“-Veranstaltern aufs herzlichste empfangen.

Nach einer kurzen Ansprache von Maurice Schreibmann, dem Kurator der morgigen Veranstaltung und gleichzeitig Vereinsmanager des TSV Maccabi, der als Fußballverein zum 2. Mal ein kleines Festival unter dem Motto „Music for Goals – Musik gegen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit“ ins Leben ruft, wurde das Büffet eröffnet.

Wir vermissten unsere lieb gewonnen Ess-Stäbchen und versuchten, der Etikette schuldend, unsere chinesischen Essgewohnheiten ad acta zu legen. Nach zweistündigem Plausch über unsere Erlebnisse in China und einigen Interviews über den Event morgen waren wir froh über den fahrtüchtigen Franken, der uns flott und fluchend ins Bett brachte. Ich schlief wie ein uralter Stein, und hätte die Sonne mich nicht mit ihren Leben spendenden Strahlen geweckt, ich wäre in 10 000 Jahren als Diamant aufgewacht. „Welch ein Luxus “ , dachte ich noch, „dass man in Deutschland das Kranwasser trinken kann“ und schnappte wie ein Fisch nach Luft, während das Duschwasser über mein Gesicht sprudelte.

Unter meiner Zimmertür wurde ein Briefchen durchgeschoben. Es handelte sich um eine Frühstücksverabredung zur Mittagszeit mit Daniel und Pese. Hurra! Auf dem Weg zum Frühstückslokal passierte ich ein gut besuchtes Chinarestaurant am Ende der Straße. Wenn die wüssten! In China gab es übrigens nirgendwo die bei uns obligatorischen Glückskekse. Aber es gab ja auch völlig anders Essen. Wie ist das wohl ist, wenn man nach einem fleischhaltigen, chinesischen Menü einen Keks liest und es steht: „That wasn’t chicken“ drauf? Wie auch immer, ich freute mich auf ein leckeres Käsebrot. Das Käsebrot war natürlich ein Käsebrötchen, ach nee, Käsesemmel, da lässt man sich in Bayern ja auch nicht lumpen, dazu eine große Spezi und zum Schluss einen filigran verzierten Café Latte im Glas. Vorzüglich! Spezi zum Frühstück ist ein absolutes „must have“, wenn man in München ist.
Um halb zwei wurden wir von unserem diesmal still schweigenden Fahrer zur Muffathalle gebracht. Der Soundcheck lief bereits auf Hochtouren und überall wuselten aufgeregte Musiker durch die Gänge. Nach unserem Soundcheck gingen wir ums Eck ins Brauhaus am Wiener Platz und quälten uns durch Berge frischen Kaiserschmarrns. Kurz vor Beginn der Veranstaltung hatten wir aber noch ein ganz besonderes Date, auf das wir uns schon den ganzen Tag freuten. Da dies unser letztes Konzert in diesem Jahr sein sollte, bevor wir uns ins Studio einigeln, um das neue Klee Album aufzunehmen, wollten wir uns gerne mit den Fans, die extra für uns den meist weiten Weg nach München aufgenommen hatten, auf ein Bierchen treffen.

Besonders überrascht waren wir über die Anwesenheit von Marina aus Russland. Marina hat uns im April, als wir in Kazan gespielt haben, besonders liebevoll betreut und umsorgt. Das war ein wirklich schönes „Heimkommen“ im Kreise seiner Lieben. Jeder bekam ein kleines Souvenir aus China: Ess-Stäbchen „im Schlafsack“ und einen Glücksbringer, der in der konzertfreien Zeit, zusätzlich an uns erinnern darf. Dann musste ich auch schon mit Sten viel zu schnell zu einem Interview. Da ahnten wir auch noch nicht, dass die ganze Veranstaltung „Delay“ von ca. 45 Minuten haben wird. Aufgrund dessen wurde unsere Auftrittszeit um eine Viertelstunde gekürzt. An dieser Stelle möchten wir uns für die kurze Spielzeit entschuldigen. Bei einem Festival solcher Art kann so etwas schon mal passieren. Ich hoffe, ihr habt Nachsicht und Toleranz den Veranstaltern und den vielen anderen Bands gegenüber, die ihre Spielzeit auch kürzen mussten. Unser Konzert war zwar kurz, aber sehr intensiv. Es war wunderbar, Euch alle in den ersten Reihen zu sehen und Eure Energie zu spüren. Danke dafür, und danke allen, die uns im letzten Jahr bei unseren Konzerten soviel Rückhalt, Unterstützung und Kraft gegeben haben! Das war ein wunderschönes und abenteuerliches Live-Jahr. Jedes einzelne Konzert, ob in Lippstadt, Kazan, Shenyang, Peking, Chongqing, Altenbeken, Münster, Köln oder sonst wo. Ihr wart immer da, bei uns, habt uns begleitet egal wo und egal wie. Dafür möchten wir Danke sagen, und wer es bislang noch nicht bemerkt haben sollte, dem widmen wir, wie auf jedem Konzert, folgende Zeilen: „…denn das was wahr ist, für immer da ist, für immer da ist, für immer wahr ist!“ Das seid ihr! Passt gut auf euch auf und haltet die Ohren steif!
Neuigkeiten aus dem Studio wird es regelmäßig auf unserer Homepage, bei Facebook, Myspace oder Twitter geben. Versprochen!
Bis bald ihr Lieben und wie immer: „Der letzte macht das Licht aus!“
Servus

P.S.
Hier noch ein bisschen Information über den TSV Maccabi:

Maccabi e.V.
Der TSV Maccabi München e.V. ist 1965 von Überlebenden des Holocaust gegründet worden. Es galt, einen Ort der Zusammenkunft zu schaffen, an dem jüdische Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer sich im sportlichen Wettkampf und im Spiel trafen und wo Hoffnung und Zuversicht auf ein Leben in Frieden und Sicherheit wachsen konnte. 2008 ist diese Vision Wirklichkeit. Über 850 jüdische und nichtjüdische Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus 15 Nationen treffen sich regelmäßig, um u.a. Fußball und Tennis zu spielen, zu tanzen und Gymnastik zu treiben. Sie feiern miteinander, lernen sich in ihrer Unterschiedlichkeit kennen und akzeptieren. <br><br>
Maccabi München wurde 2008 als „Botschafter für Demokratie und Toleranz der Bundesrepublik Deutschland“ von Innenminister Wolfgang Schäuble in Berlin ausgezeichnet. Ferner erhielt Maccabi 2008 den Integrationspreis der Landeshauptstadt München.

Wer mehr wissen möchte:
www.maccabi.de

KLEE in Peking

Die verbotene Stadt im Herzen Pekings.

Vom 2. Tag in Peking berichtet Sten,
… Wieder eine neue, Atem raubende Facette dieses beeindruckenden Landes! …

Peking, Tag 2
Wir begnügen uns mal wieder mit viel zu wenig, sprich ca. vier Stunden, Schlaf, denn zumindest einige von uns wollen heute schon früh los, um vor dem „Sightseeing-Programm“ noch ein wenig zu shoppen. Es geht zum San Li Tun Market, wo man, ähnlich wie in der „Silk Street“, die wir ja bei unserem letzten Peking-Aufenthalt besucht hatten, so ziemlich alles bekommt, was das Souvenierjägerherz höher schlagen lässt: hunderte kleiner Schmuck-, Klamotten- und Schnickschnackläden bieten zwischen traditionell chinesischem auch so ziemlich jeden westlichen Markenartikel zu unvorstellbar günstigen Preisen an.

Dass die Rolex für 10 € oder der Samsonite Koffer für 15 sicher keine 2 Monate überleben werden, ist natürlich klar. Ein Spaß ist es dennoch, all die Replika-Iphones, Kameras und Hermes-Taschen, von denen man immer liest, auch mal live zu sehen und in den Händen zu halten. Gekauft habe ich allerdings nur „klassische“ Mitbringsel wie Drachen, Schals und lustigen Krimskrams. Suzie trumpfte mit Sonnenbrillen jeder Art und lustigen Kopfbeckungen auf.

Das obligatorische Handeln und Feilschen fängt nach einer gewissen Zeit allerdings dann doch an, so an den Nerven zu rütteln, dass wir uns nach zwei Stunden mit unserer Beute begnügten und zurück zum Hotel fuhren. Die Sonne kam raus und im Taxi bemerkte ich etwas Blitzendes an Toms und Peses Handgelenken: Die Beiden hatten der Rolex-Versuchung offensichtlich doch nicht widerstehen können.

Wir trafen die anderen zum Mittagskaffee im „Alley-Café“ um die Ecke vom Hotel. Ein nettes, kleines und sehr empfehlenswertes Café in der Nähe des Nordtores der verbotenen Stadt, in der Straße, in der auch unser Hotel lag. Plötzlich raste die Zeit wie im Flug und wir beeilten uns, zu genau dem besagtem Nordtor zu kommen, denn diesmal wollten wir die verbotene Stadt auf keinen Fall verpassen. Umso größer der Schock, als wir am Eingang erfahren mussten, dass wir soeben den letzten Einlass um drei Minuten verpasst hatten. Die Enttäuschung war riesig und hielt auch die nächsten Stunden an, die wir mit einem Spaziergang und zwischendurch improvisierten kleinen Band-Foto-Stopps verbrachten. Doch auch da plötzlich große Not, denn meine Digital-Kamera gab ihren Geist auf. Und es war KEINE, die ich zuvor günstig im San Li Tun Market gekauft hatte.

Wir behalfen uns so gut es ging mit den noch vorhanden Kleinkameras und Handys und freuten uns dann auf das Abendessen. Hierfür hatten wir uns mit Cheizak, dem Executive Producer des chinesischen „Rolling Stone“- Magazins verabredet, den wir bei unserem Peking-Konzert im Juni kennen gelernt hatten. Sein Restauranttipp war die Erlösung für die „erlittenen“ Qualen am Nachmittag und seine Geschenke, nämlich zwei Exemplare der September-Ausgabe des Magazins, in denen zweiseitig und begeistert über uns berichtet wird, eine wahnsinnig tolle Überraschung, die uns sofort das chinesische Lächeln zurück in die Gesichter zauberte! Was kann es Schöneres geben, als gemeinsam mit den Beatles auf einem Cover zu sein!?

Wir beschließen daher, noch ein wenig „feiern“ zu gehen und den nächsten Tipp von Cheizak auszuprobieren: an Luo Gu Xiang im Dongcheng Distrikt, eines von den neuen, alternativen Ausgehvierteln Pekings. In einem traditionellen Viertel mit den typischen kleinen, niedrigen Backsteinhäusern und engen dunklen Gassen siedeln sich immer mehr kleine Läden, Cafes und Kneipen an, die einen Hauch von Covent-Garden oder Camden Town der späten 80er oder frühen 90er Jahre versprühen. Wir sind überwältigt und begeistert. SO „trendy“ und modern – auch in Hinsicht auf „Jugendkultur“ und „Alternativszene“ – hatten wir China bisher noch nicht erlebt. Wieder eine neue, Atem raubende Facette dieses beeindruckenden Landes!

Und wieder VIEL zu spät kommen wir daher zurück ins Hotel, wo noch gepackt werden will, denn wir hatten am Abend dann noch beschlossen, der verbotenen Stadt am nächsten Morgen eine weitere, aber dann auch sprichwörtlich letzte Chance zu geben, denn um halb elf würde uns der Shuttlebus zum Flughafen holen. Es blieben uns also knapp zwei Stunden, von 8.30 bis viertel nach zehn.
Und erneut nur 4 Stunden Schlaf.

Tagebucheintrag 7. Tag KLEE in China

Aber gegen Ameisen gibt es doch Elise,

Suzie schrieb zum 7. Tag,
Von Wuhan nach Bejing – Übergewicht und Käferkebap …

Beim Wuhaner Flughafen angekommen, begleitet von Angie und Hans, mussten wir erst einmal jede Menge Übergepäck bezahlen und meinen Koffer zum Sperrgepäck rollen. Nach einem herzlich-schmerzlichen Abschied am Security-Schalter mogelten wir uns mit unserem viel zu schwerem Handgepäck an Board der China Airlines Maschine. Nach dem üblichen Kampf um den einzigen Fensterplatz saßen wir alle hundemüde auf unseren Sitzen. Es dauerte nicht lange, und das Flugzeug hob ab in Richtung Peking. Es dauerte auch nicht lange, und der erste chinesische Staatsbürger zwischen uns zog sich die Schuhe aus und ein würziger Maukenduft waberte um die Sitzreihen. Nachdem die Erdnüsschen und Getränke von den hübschen Stewardessen verteilt waren, fiel unser schuhloser Passagierkollege ad hoc in den Tiefschlaf, und das sehr geräuschvoll. Manchmal kippte er in Anzug und Krawatte nach vorne, dann wiederum ließ er seinen Kopf halb über den Gang hängen und blies seinen schweren Atem bis ins Cockpit. Unmittelbar vor der Landung wachte er wieder auf, schaltete sein Handy an, schlüpfte in sein Paar Schuhe, und als der Flieger den Boden berührte, stand er auf und wollte seine Computertasche aus dem Handgepäckfach herausholen, doch als er aufs Strengste von der Flugbegleiterin ermahnt wurde, das zu unterlassen, nahm er wieder Platz und stand erst auf, als der Flieger parkte.

Nach der einstündigen Fahrt vom Flughafen zum Hotel, welches unmittelbar an der verbotenen Stadt lag, sind wir im wärmendem „Zwiebel-Look“, denn in der chinesischen Hauptstadt wehte eine nächtlich, kühle Herbstbrise, hinaus auf die Straßen. Unser Ziel war der Dong Hua Men-Nachtmarkt in der Innenstadt. Eine kilometerlange, mit tausenden roten Lampions beleuchtete „Fressmeile“, bei deren Anblick sich die „längste Theke der Welt“ warm anziehen sollte und ein empfindliches Gemüt auf jeden Fall weiche Knie bekommt. Auf ganzer Länge des Marktes reihten sich hübsch dekorierte Buden perlenkettengleich aneinander. Die Menschen in den Buden hinter den Theken, trugen harmlose rote Schirmmützen und luden uns unermüdlich ein, ihre Gäste zu sein: “Beautiful lady, come here and try something of my beautiful food. You are so pretty. Try my food.“ Mit solch gestärktem Selbstbewusstsein trat ich tapfer einen Schritt vor, und schon hatte ich einen Holzstab in der Hand, um den sich gräuliches Schlangenfleisch wickelte. “ Snake! You want? You want Scorpions? Seehorse? Crunchy Magots? Jellyfish?“ Zwischen mir und den Verkäufern lagen Armeen aufgespießter Skorpione, die ihren giftigen Schwanz angriffslustig in die Höhe reckten. Etwas weiter vorne fädelten sich dicke braune Maden auf einem Spießchen „to go“ neben schwarzen Käfern auf. Eine abscheuliche Delikatesse nach der anderen gab sich den Staffelstab in die Hand bzw. in die Kralle. Es gab Quallenpudding, Seesterne, gebackenes Eis und besonders irritierend Seepferdchen, die wie ein Miniatur-Steckenpferd auf der Spitze eines Holzspießes thronten.

Hunderte von Touristen ließen sich mit uns von diesem bunten, lauten Krach hypnotisieren, und als wir am Ende der Promenade angelangt waren, war ich fix und fertig und hundemüde. Mit letzter Kraft schleppte sich die „pretty longnose lady“ mit ihrer männlichen Entourage zurück zum Hotel, und noch bevor ich den Mantel ablegen konnte, war ich eingeschlafen, und ich träumte von einem Bienenbart und Killerameisen.

KLEE in Wuhan Tag 6

toilet hot pot delight

So bzw. von einem irgendwie ähnlichen Hot Pot erzählt Suzie vom fünften oder besser gesagt sechsten Tag in Wuhan China.
Wo die Schlangengurken noch poliert werden,

Die Geister, die ich rief …

Heute wollen wir es mal etwas ruhiger angehen lassen. Nach dem gestrigen, opulenten Hot Pot hat sich unsere Reisegruppe halbiert. Genau wie meine Familienpackung Iberogast! „Herr, die Not ist groß! Die ich rief die Geister, die werd ich nicht mehr los.“ Schließlich sind wir ja auch auf Einladung des Goethe Instituts hierher gereist…nur um die durchschlagende Bilanz des Abendessens mal eloquent zu umschreiben und um den genannten Hot Pot nicht allzu wörtlich zu nehmen.

Der Chinese an sich zeichnet sich im alltäglichen Sprachgebrauch ebenfalls durch eine spezielle Eloquenz und einen, für uns, sonderbaren Humor aus. Isst ein Kind z.B. seinen Reis nicht auf, wird ihm damit gedroht, dass es Pickel bekommt. Der Reis wandert dann eben ins Gesicht. Ein beliebter Witz hierzulande lautet: „Guckt der Teufel in den Spiegel und stirbt.“ ??? „Stirb!“ bzw. „Geh zum Teufel“ lautet übrigens auch die Übersetzung unseres saloppen Abschiedswortes „Tschüss“. Da muss man in China höllisch aufpassen!

Bei der Essensbestellung in einem Restaurant wird sehr lange mit dem Kellner über die Speisekarte diskutiert. Unsereins fragt sich, über was da wohl so lange gesprochen wird? Über die Kinder? Rücken? Oder über Tipps zur Fleckenentfernung? Nein, mitnichten! Es wird die ganze Zeit über die Speisen geredet. Denn es steht in so einer chinesischen Speisekarte eben nicht einfach drin: Heute Tagesangebot! Frischer Frosch süß/sauer, sondern die aufgelisteten Nahrungsmittel lassen sich unendlich über- und untereinander kombinieren. Dafür braucht man die Gabe eines Bobby Fischers oder das Talent eines Garri Kimowitsch Kasparow oder einfach nur viel Geduld und Spucke.

Heute haben wir es, wie gesagt, ruhig angehen lassen. Hans dachte sich wahrscheinlich, wenn die Übriggebliebenen der Hot Pot nicht zur Strecke gebracht hat, dann versuch ich es mal mit einem original chinesischen Markt. Wow! Ein optischer und vor allem ein olfaktorischer Karneval.

Rund um die überdachte Markthalle bieten allerlei Händler ihre Waren an. In überdimensional großen Körben, Wannen und Schalen wartet das frische Gemüse auf Kundschaft. Knallgrüne Paprikaberge liegen neben tief violetten Auberginenhügeln, flankiert von säuberlich sortierten Spezialitäten aus dem ganzen Land. Zwischendrin dampfende Garküchen, die z.B. die in Wuhan sehr beliebten knusprigen Entenhälse anbieten. Inmitten dieser exotischen Gemüselandschaft hocken die Händler auf ihren kleinen Höckerchen und schlürfen ihren Tee oder ihre Nudelsuppe, polieren Schlangengurken, machen ein Nickerchen oder unterhalten sich lautstark mit der Konkurrenz. In China gilt die Tomate übrigens als Obst und wird gerne mit Orangenstücken zusammen auf einem Schaschlikspieß gefädelt und mit einer Zuckerglasur als süßer Snack genascht. Wie die Paradiesäpfel, die es bei uns auf der Kirmes und auf Jahrmärkten gibt.

Das würde dann auch endlich erklären warum man in Österreich „Paradeiser“ zur Tomate sagt. Sicherlich werde ich während unseres Aufenthalts in diesem aufregenden, wunderbaren Land auch noch das große Nudelgeheimnis lösen! Hat Marco Polo das global äußerlich beliebte Hartweizenprodukt nun von China nach Italien importiert oder war es andersrum? Was war zuerst da, das Huhn oder das Ei?

Eier gibt es auf dem Markt in einer Variations- und Güteklassevielfalt wovon der gute, alte Osterhase nur träumen kann. Weiße Eier, braune Eier, große Eier, kleine Eier, grüne Eier, gefleckte Eier. Ei-gelb, Ei-weiß, Ei-phone.

Auf das Huhn komme ich dann später, nach der nächsten Maus, zurück. Jetzt passieren wir erst einmal die Gewürzstände. In großen Säcken präsentieren sich prachtvoll die verschiedenen Pfeffersorten, Sternanis und Undefinierbares, umgeben von ausgelegtem Ingwerknollen und knallrot leuchtendem, getrocknetem Chili in Schotenform, pulverisiert, grob und fein gehackt. Ein fantastisches Fest für alle Sinne! Gleich daneben winkte uns schon die freundliche Reisfachverkäuferin zu.

Und was soll ich sagen: Ja! Es gibt doch tatsächlich echten Reis in China. Wir waren schon kurz davor dies anzuzweifeln, denn bisher gelang es uns noch nicht wirklich, in einem der vielen Restaurants, in denen wir bislang zu Gast waren, Reis zum Essen zu bestellen. Aber jetzt und hier glänzte er, wie Diamanten in der Sonne, mit der Verkäuferin um die Wette.

Als wir den überdachten Teil des Marktes betraten, standen wir direkt vor den Fischauslagen. Die Fische lagen allerdings nicht friedlich und tot auf kühlendem Eis, nein, sie tummelten sich relativ lebendig in kleinen Glasbecken, und von Zeit zu Zeit versuchten sie sogar, in ein anderes Aquarium zu flüchten. Die gestrenge „Fischaufseherin“ untergrub aber jeden Fluchtversuch, fischte behände den Ausreißer heraus und schmiss ihn wieder zu Seinesgleichen. Beobachtet wurde sie dabei von uns und einer Langhalsschildkröte, die in einer hellblauen Plastikschüssel die letzten Stunden ihres Lebens verbringen musste. Hinter der Schildkröte wurde gerade ein Kartoffelsack voller lebender Kröten mit einem Wasserschlauch frisch gespritzt und dann wie ein Kopfkissen aufgeschüttelt und wieder an der Theke platziert. Hans wunderte sich, dass es bei uns so etwas in der Form gar nicht gibt, und leider mussten wir ihm auch den Zahn ziehen, dass wir in Deutschland Fischblasen (oder waren es Fischmägen?) nicht zu den alltäglichen Köstlichkeiten zählen.

Zurück zum Huhn. Das Eier legende Federvieh fristete, zusammengepfercht und übereinander gestapelt, sein Dasein in dicken Stahlkäfigen. Manchmal streckte eine Gans neugierig den Hals mitten aus dem Hühnerhaufen hervor, und als ich das mit Blut und Federn beschmierte Hackebeil entdeckte, wollte ich schlagartig diesen Ort verlassen. Ich eilte vorbei an hängenden Tierkadavern, Stinketofu und Hausfrauen. Hinaus an die Luft, an die Sonne, zurück zu den friedlichen Reiskörnern, den lieben Maiskolben, den unschuldigen Knoblauchzehen, Äpfeln, Drachenaugenfrüchten und Kohlsorten. Draußen angelangt, gab es an der Straßenecke einen Menschenauflauf vor einem Hofeingang. Die Leute streckten gänsemäßig ihre Hälse in die Höhe. Es herrschte eine aufgeregte Stimmung. Zwei Polizisten rannten in den Hof hinein. Wir fragten Hans, was denn da wohl passiert sei und er sagte: „Ich weiß es nicht genau, entweder ein Diebstahl oder ein Mord.“ Das reichte.

Heute Abend, in dem belgischen Restaurant „La Brussels“, zu dem uns der Besitzer David gestern eingeladen hat, werde ich mich, wie Pele, ausschließlich vegetarisch ernähren. Basta.

Wir sind zurück zum Hotel und gingen anschließend zum Festivalgelände, um Ralf Brendle und seine „Quetsche“ (wie er selbst in reinstem schwäbisch zu seinem Instrument sagt) und Tele zu sehen. Zwei wirklich wunderschöne Konzerte! Dann war die Zeit gekommen, sich von den Organisatoren und Mitarbeitern zu verabschieden. Es fiel uns allen furchtbar schwer Adieu zu sagen, denn abgesehen von den tollen Konzerten und der perfekten Organisation sind hinter der Bühne alle mit so viel Herz und Seele dabei gewesen, dass der Abschied schmerzt. Vielen, vielen Dank an alle! Mit extra Kuss an Connie Knorr, Udo Hoffmann, Chang Hsienjen, Zhang Angie, Hans, Judith Schmidt, Nehr Ebi, Wu Gibson, Mathias, Jan, den Botschafter Dr. Michel Schäfer und sein Team, Martin Fleischer, Herrn Kahn Ackermann und das ganze Goeth-Institut und alle vom DUC und natürlich einen Kuss für das wunderbare Publikum in Wuhan! Man soll gehen, wenn es am Schönsten ist. Gerade das fällt uns besonders schwer. Morgen Früh fliegen wir mit der Käsefuß-Airline nach Peking. Gute Nacht, der letzte macht das Licht aus!

Daniel berichtet über Tag 5 in Wuhan

Wuhan Strassenreinigung

11:00 Uhr morgens, und nichts schreit mich an.

Was ist da los in China?! Hier war doch immer alles so laut, als ich das letzte Mal hier war. Wuhan scheint da anders zu sein. O.K.- am, für Mitteleuropäer undurchschaubaren, Verkehr hat sich nichts geändert. Außer, dass hier nicht jeder meint, das Vorhandensein einer Hupe an seinem Auto zwinge ihn, selbige auch ständig zu benutzen sobald er fährt. Wir haben heute frei. Wie auch die nächsten Tage, aber heute ist der erste freie Tag, den man auch als solchen empfindet.

Gestern war unser zweites und leider diesmal auch letztes Konzert, und die folgenden Tage werden wir nutzen, um uns Wuhan und Peking noch mal ganz genau anzuschauen… Ich werde heute gleich mal damit anfangen: Der Tag steht zur „freien Verfügung“ und meine Bandkollegen frönen unterschiedlichsten Dingen wie Songschreiben, Fotos machen, Souvenirs kaufen, etc.. Ich wiederum werde zusammen mit Oli und Piotrek, unserem Backliner, sowie den Kollegen von Tele zu einem Park fahren, der auf einer Insel liegt. Gesagt, getan.

Unser Hotel ist so groß, dass es eine eigene Bushaltestelle verdient zu haben scheint. Jedenfalls fährt der Bus genau gegenüber unserem Foyer ab. Für umgerechnet 20 Cent fahren wir ca. eine halbe Stunde. Hallo!? Hat die Rheinbahn mitgelesen? Wir fahren für 20 Cent eine halbe Stunde Bus!! Für 20 Cent fährt man in Deutschland leider nirgendwo mehr hin und erst recht nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln… Wie dem auch sei. Am See angekommen setzt unsere recht große Reisegruppe über, und die Entscheidung für Motorboot oder Ruderboot fällt bei der augenscheinlichen Größe des Sees nicht sonderlich schwer.

Am Zielort angekommen, stellt sich die Frage, ob wir für umgerechnet 4 Euro pro Person anlegen und in den Park gehen, oder für 2 Euro einen etwas „inoffiziellern“ Eingang in den Park wählen. Zu diesem Zeitpunkt wird uns natürlich leider nicht mitgeteilt, dass man wenn, man sich für Variante 2 entscheidet, auf etliche Sehenswürdigkeiten verzichten muss. Deutsch veranlagt, wie unsere Reisegruppe nun mal unweigerlich ist, entscheiden wir uns für die billigere Alternative. Zum Glück!!

Die Sehenswürdigkeiten begrenzen sich auf Affen, die irgendetwas tun, was unser Übersetzer leider nicht ins deutsch übersetzten kann (oder will). Und so kommen wir (sparsam wie wir nun mal sind) in den Genuss, mal wieder in China Rodelbahn zu fahren. Ein Wahnsinnsspaß!! Zurück an der Talstation wird von unserem Booker Ben , der ebenfalls dabei ist, ein Nachmittagsmahl bestellt.

Da er der chinesischen Sprache genauso unmächtig ist, wie der chinesische Gerichteverkäufer der deutschen, wird die Bestellung zu einer Stand-Up Comedy-Show sondergleichen. Ich muss jedoch mit Respekt festhalten, dass nach der Zuhilfenahme eines Taschenrechners zumindest Einklang über den Preis herrschte, den wir für unser Essen zu zahlen hatten. Nach einem hervorragenden Reisgericht wird die Heimreise ins Hotel angetreten. Busfahrt, Fahrt über den See, Rodelbahn und die Risikowahl des Essens sind aber auch in der Tat genug für einen Tag China.

Nach einer kurzen Regenerationszeit auf dem Hotelzimmer geht es, diesmal um die bis hierher fehlenden Bandkollegen erweitert, sofort weiter zum „Hotpot“-Essen. Ich habe in der Vergangenheit bereits erwähnt, dass sich mein Interesse für überscharfes Essen in Grenzen hält.

Ich muss jedoch zum zweiten Mal in China feststellen, dass eine gewisse Süchtigkeit nach scharfem Essen auch von meiner Seite nicht von der Hand zu weisen ist. Man muss nur beachten, dass man nicht sofort mit den Speisen für hart Gesottene einsteigt. Nähert sich man dem Thema „chinesische Schärfe“ in einer Zeit von 20 Minuten, ist man auch in der Lage, Speisen zu sich zu nehmen, die einer Betäubung des Mundraums bei einem in Deutschland ansässigem Zahnarztes ähneln.

Der Abend endet (wie so ziemlich jeder bei unserem Aufenthalt in Wuhan) in der Churchbar. Lange ging es mal wieder, und nachdem, neben etlichen anderen, auch unser Pele zum zweiten Mal sein Soloprogramm auf der „Open Stage“ zum besten gab, konnte man ein weiteres Mal glückselig ins chinesische Hotelbett fallen.

Wuhan, wir mögen Dich!!