Neuer Tagebucheintrag auf kleemusik.de

Suzie berichtet über den Jetlag, die Ankunft in München, das Treffen mit den Fans und über das letzte Konzert des Jahres,

„…denn das was wahr ist, für immer da ist,
für immer da ist, für immer wahr ist!“ …

München „Music for Goals“ und „Sag zum Abschied leise Servus“

Nach gefühlten hundert Stunden Flugzeit landete die Maschine aus Peking pünktlich am Münchner Flughafen. Wir krochen aus dem Flieger wie aus einem Kokon. Nur leider mit dem biologischen Paradoxon, dass wir uns als Schmetterlinge in Peking eingepuppt hatten und als „blasse, madenartige Zombies“ in Deutschland aus der Maschine heraus krabbelten. Ein bisschen frische bayerische Luft wird sicherlich Wunder bewirken, dachte ich noch und schon saß ich in einem Shuttlebus, der uns zum Hotel bringen sollte. Jede vergangene Viertelstunde fühlte sich von nun wie ein Filmriss an. Das ist also der berühmte Jetlag!

Somit machte es auch nicht wirklich etwas aus, dass wir am Hotel nur eine halbe Stunde Zeit zum Einchecken, Auspacken und frisch machen hatten. Morgen ist ja schließlich Halloween. Der Shuttlebus-Fahrer wartete schon ungeduldig vor dem Hoteleingang auf uns, als wir relativ pünktlich wieder unten waren. Wir nahmen es mit chinesischer Gelassenheit und ignorierten seine grantigen und unverständlich fränkischen Bemerkungen, als er uns zum „Meet and Greet“-Abendessen in ein jüdisches Restaurant mit koscherer Küche brachte. Dort wurden wir von den „Music for Goals“-Veranstaltern aufs herzlichste empfangen.

Nach einer kurzen Ansprache von Maurice Schreibmann, dem Kurator der morgigen Veranstaltung und gleichzeitig Vereinsmanager des TSV Maccabi, der als Fußballverein zum 2. Mal ein kleines Festival unter dem Motto „Music for Goals – Musik gegen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit“ ins Leben ruft, wurde das Büffet eröffnet.

Wir vermissten unsere lieb gewonnen Ess-Stäbchen und versuchten, der Etikette schuldend, unsere chinesischen Essgewohnheiten ad acta zu legen. Nach zweistündigem Plausch über unsere Erlebnisse in China und einigen Interviews über den Event morgen waren wir froh über den fahrtüchtigen Franken, der uns flott und fluchend ins Bett brachte. Ich schlief wie ein uralter Stein, und hätte die Sonne mich nicht mit ihren Leben spendenden Strahlen geweckt, ich wäre in 10 000 Jahren als Diamant aufgewacht. „Welch ein Luxus “ , dachte ich noch, „dass man in Deutschland das Kranwasser trinken kann“ und schnappte wie ein Fisch nach Luft, während das Duschwasser über mein Gesicht sprudelte.

Unter meiner Zimmertür wurde ein Briefchen durchgeschoben. Es handelte sich um eine Frühstücksverabredung zur Mittagszeit mit Daniel und Pese. Hurra! Auf dem Weg zum Frühstückslokal passierte ich ein gut besuchtes Chinarestaurant am Ende der Straße. Wenn die wüssten! In China gab es übrigens nirgendwo die bei uns obligatorischen Glückskekse. Aber es gab ja auch völlig anders Essen. Wie ist das wohl ist, wenn man nach einem fleischhaltigen, chinesischen Menü einen Keks liest und es steht: „That wasn’t chicken“ drauf? Wie auch immer, ich freute mich auf ein leckeres Käsebrot. Das Käsebrot war natürlich ein Käsebrötchen, ach nee, Käsesemmel, da lässt man sich in Bayern ja auch nicht lumpen, dazu eine große Spezi und zum Schluss einen filigran verzierten Café Latte im Glas. Vorzüglich! Spezi zum Frühstück ist ein absolutes „must have“, wenn man in München ist.
Um halb zwei wurden wir von unserem diesmal still schweigenden Fahrer zur Muffathalle gebracht. Der Soundcheck lief bereits auf Hochtouren und überall wuselten aufgeregte Musiker durch die Gänge. Nach unserem Soundcheck gingen wir ums Eck ins Brauhaus am Wiener Platz und quälten uns durch Berge frischen Kaiserschmarrns. Kurz vor Beginn der Veranstaltung hatten wir aber noch ein ganz besonderes Date, auf das wir uns schon den ganzen Tag freuten. Da dies unser letztes Konzert in diesem Jahr sein sollte, bevor wir uns ins Studio einigeln, um das neue Klee Album aufzunehmen, wollten wir uns gerne mit den Fans, die extra für uns den meist weiten Weg nach München aufgenommen hatten, auf ein Bierchen treffen.

Besonders überrascht waren wir über die Anwesenheit von Marina aus Russland. Marina hat uns im April, als wir in Kazan gespielt haben, besonders liebevoll betreut und umsorgt. Das war ein wirklich schönes „Heimkommen“ im Kreise seiner Lieben. Jeder bekam ein kleines Souvenir aus China: Ess-Stäbchen „im Schlafsack“ und einen Glücksbringer, der in der konzertfreien Zeit, zusätzlich an uns erinnern darf. Dann musste ich auch schon mit Sten viel zu schnell zu einem Interview. Da ahnten wir auch noch nicht, dass die ganze Veranstaltung „Delay“ von ca. 45 Minuten haben wird. Aufgrund dessen wurde unsere Auftrittszeit um eine Viertelstunde gekürzt. An dieser Stelle möchten wir uns für die kurze Spielzeit entschuldigen. Bei einem Festival solcher Art kann so etwas schon mal passieren. Ich hoffe, ihr habt Nachsicht und Toleranz den Veranstaltern und den vielen anderen Bands gegenüber, die ihre Spielzeit auch kürzen mussten. Unser Konzert war zwar kurz, aber sehr intensiv. Es war wunderbar, Euch alle in den ersten Reihen zu sehen und Eure Energie zu spüren. Danke dafür, und danke allen, die uns im letzten Jahr bei unseren Konzerten soviel Rückhalt, Unterstützung und Kraft gegeben haben! Das war ein wunderschönes und abenteuerliches Live-Jahr. Jedes einzelne Konzert, ob in Lippstadt, Kazan, Shenyang, Peking, Chongqing, Altenbeken, Münster, Köln oder sonst wo. Ihr wart immer da, bei uns, habt uns begleitet egal wo und egal wie. Dafür möchten wir Danke sagen, und wer es bislang noch nicht bemerkt haben sollte, dem widmen wir, wie auf jedem Konzert, folgende Zeilen: „…denn das was wahr ist, für immer da ist, für immer da ist, für immer wahr ist!“ Das seid ihr! Passt gut auf euch auf und haltet die Ohren steif!
Neuigkeiten aus dem Studio wird es regelmäßig auf unserer Homepage, bei Facebook, Myspace oder Twitter geben. Versprochen!
Bis bald ihr Lieben und wie immer: „Der letzte macht das Licht aus!“
Servus

P.S.
Hier noch ein bisschen Information über den TSV Maccabi:

Maccabi e.V.
Der TSV Maccabi München e.V. ist 1965 von Überlebenden des Holocaust gegründet worden. Es galt, einen Ort der Zusammenkunft zu schaffen, an dem jüdische Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer sich im sportlichen Wettkampf und im Spiel trafen und wo Hoffnung und Zuversicht auf ein Leben in Frieden und Sicherheit wachsen konnte. 2008 ist diese Vision Wirklichkeit. Über 850 jüdische und nichtjüdische Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus 15 Nationen treffen sich regelmäßig, um u.a. Fußball und Tennis zu spielen, zu tanzen und Gymnastik zu treiben. Sie feiern miteinander, lernen sich in ihrer Unterschiedlichkeit kennen und akzeptieren. <br><br>
Maccabi München wurde 2008 als „Botschafter für Demokratie und Toleranz der Bundesrepublik Deutschland“ von Innenminister Wolfgang Schäuble in Berlin ausgezeichnet. Ferner erhielt Maccabi 2008 den Integrationspreis der Landeshauptstadt München.

Wer mehr wissen möchte:
www.maccabi.de

KLEE in Peking

Die verbotene Stadt im Herzen Pekings.

Vom 2. Tag in Peking berichtet Sten,
… Wieder eine neue, Atem raubende Facette dieses beeindruckenden Landes! …

Peking, Tag 2
Wir begnügen uns mal wieder mit viel zu wenig, sprich ca. vier Stunden, Schlaf, denn zumindest einige von uns wollen heute schon früh los, um vor dem „Sightseeing-Programm“ noch ein wenig zu shoppen. Es geht zum San Li Tun Market, wo man, ähnlich wie in der „Silk Street“, die wir ja bei unserem letzten Peking-Aufenthalt besucht hatten, so ziemlich alles bekommt, was das Souvenierjägerherz höher schlagen lässt: hunderte kleiner Schmuck-, Klamotten- und Schnickschnackläden bieten zwischen traditionell chinesischem auch so ziemlich jeden westlichen Markenartikel zu unvorstellbar günstigen Preisen an.

Dass die Rolex für 10 € oder der Samsonite Koffer für 15 sicher keine 2 Monate überleben werden, ist natürlich klar. Ein Spaß ist es dennoch, all die Replika-Iphones, Kameras und Hermes-Taschen, von denen man immer liest, auch mal live zu sehen und in den Händen zu halten. Gekauft habe ich allerdings nur „klassische“ Mitbringsel wie Drachen, Schals und lustigen Krimskrams. Suzie trumpfte mit Sonnenbrillen jeder Art und lustigen Kopfbeckungen auf.

Das obligatorische Handeln und Feilschen fängt nach einer gewissen Zeit allerdings dann doch an, so an den Nerven zu rütteln, dass wir uns nach zwei Stunden mit unserer Beute begnügten und zurück zum Hotel fuhren. Die Sonne kam raus und im Taxi bemerkte ich etwas Blitzendes an Toms und Peses Handgelenken: Die Beiden hatten der Rolex-Versuchung offensichtlich doch nicht widerstehen können.

Wir trafen die anderen zum Mittagskaffee im „Alley-Café“ um die Ecke vom Hotel. Ein nettes, kleines und sehr empfehlenswertes Café in der Nähe des Nordtores der verbotenen Stadt, in der Straße, in der auch unser Hotel lag. Plötzlich raste die Zeit wie im Flug und wir beeilten uns, zu genau dem besagtem Nordtor zu kommen, denn diesmal wollten wir die verbotene Stadt auf keinen Fall verpassen. Umso größer der Schock, als wir am Eingang erfahren mussten, dass wir soeben den letzten Einlass um drei Minuten verpasst hatten. Die Enttäuschung war riesig und hielt auch die nächsten Stunden an, die wir mit einem Spaziergang und zwischendurch improvisierten kleinen Band-Foto-Stopps verbrachten. Doch auch da plötzlich große Not, denn meine Digital-Kamera gab ihren Geist auf. Und es war KEINE, die ich zuvor günstig im San Li Tun Market gekauft hatte.

Wir behalfen uns so gut es ging mit den noch vorhanden Kleinkameras und Handys und freuten uns dann auf das Abendessen. Hierfür hatten wir uns mit Cheizak, dem Executive Producer des chinesischen „Rolling Stone“- Magazins verabredet, den wir bei unserem Peking-Konzert im Juni kennen gelernt hatten. Sein Restauranttipp war die Erlösung für die „erlittenen“ Qualen am Nachmittag und seine Geschenke, nämlich zwei Exemplare der September-Ausgabe des Magazins, in denen zweiseitig und begeistert über uns berichtet wird, eine wahnsinnig tolle Überraschung, die uns sofort das chinesische Lächeln zurück in die Gesichter zauberte! Was kann es Schöneres geben, als gemeinsam mit den Beatles auf einem Cover zu sein!?

Wir beschließen daher, noch ein wenig „feiern“ zu gehen und den nächsten Tipp von Cheizak auszuprobieren: an Luo Gu Xiang im Dongcheng Distrikt, eines von den neuen, alternativen Ausgehvierteln Pekings. In einem traditionellen Viertel mit den typischen kleinen, niedrigen Backsteinhäusern und engen dunklen Gassen siedeln sich immer mehr kleine Läden, Cafes und Kneipen an, die einen Hauch von Covent-Garden oder Camden Town der späten 80er oder frühen 90er Jahre versprühen. Wir sind überwältigt und begeistert. SO „trendy“ und modern – auch in Hinsicht auf „Jugendkultur“ und „Alternativszene“ – hatten wir China bisher noch nicht erlebt. Wieder eine neue, Atem raubende Facette dieses beeindruckenden Landes!

Und wieder VIEL zu spät kommen wir daher zurück ins Hotel, wo noch gepackt werden will, denn wir hatten am Abend dann noch beschlossen, der verbotenen Stadt am nächsten Morgen eine weitere, aber dann auch sprichwörtlich letzte Chance zu geben, denn um halb elf würde uns der Shuttlebus zum Flughafen holen. Es blieben uns also knapp zwei Stunden, von 8.30 bis viertel nach zehn.
Und erneut nur 4 Stunden Schlaf.

Tagebucheintrag 7. Tag KLEE in China

Aber gegen Ameisen gibt es doch Elise,

Suzie schrieb zum 7. Tag,
Von Wuhan nach Bejing – Übergewicht und Käferkebap …

Beim Wuhaner Flughafen angekommen, begleitet von Angie und Hans, mussten wir erst einmal jede Menge Übergepäck bezahlen und meinen Koffer zum Sperrgepäck rollen. Nach einem herzlich-schmerzlichen Abschied am Security-Schalter mogelten wir uns mit unserem viel zu schwerem Handgepäck an Board der China Airlines Maschine. Nach dem üblichen Kampf um den einzigen Fensterplatz saßen wir alle hundemüde auf unseren Sitzen. Es dauerte nicht lange, und das Flugzeug hob ab in Richtung Peking. Es dauerte auch nicht lange, und der erste chinesische Staatsbürger zwischen uns zog sich die Schuhe aus und ein würziger Maukenduft waberte um die Sitzreihen. Nachdem die Erdnüsschen und Getränke von den hübschen Stewardessen verteilt waren, fiel unser schuhloser Passagierkollege ad hoc in den Tiefschlaf, und das sehr geräuschvoll. Manchmal kippte er in Anzug und Krawatte nach vorne, dann wiederum ließ er seinen Kopf halb über den Gang hängen und blies seinen schweren Atem bis ins Cockpit. Unmittelbar vor der Landung wachte er wieder auf, schaltete sein Handy an, schlüpfte in sein Paar Schuhe, und als der Flieger den Boden berührte, stand er auf und wollte seine Computertasche aus dem Handgepäckfach herausholen, doch als er aufs Strengste von der Flugbegleiterin ermahnt wurde, das zu unterlassen, nahm er wieder Platz und stand erst auf, als der Flieger parkte.

Nach der einstündigen Fahrt vom Flughafen zum Hotel, welches unmittelbar an der verbotenen Stadt lag, sind wir im wärmendem „Zwiebel-Look“, denn in der chinesischen Hauptstadt wehte eine nächtlich, kühle Herbstbrise, hinaus auf die Straßen. Unser Ziel war der Dong Hua Men-Nachtmarkt in der Innenstadt. Eine kilometerlange, mit tausenden roten Lampions beleuchtete „Fressmeile“, bei deren Anblick sich die „längste Theke der Welt“ warm anziehen sollte und ein empfindliches Gemüt auf jeden Fall weiche Knie bekommt. Auf ganzer Länge des Marktes reihten sich hübsch dekorierte Buden perlenkettengleich aneinander. Die Menschen in den Buden hinter den Theken, trugen harmlose rote Schirmmützen und luden uns unermüdlich ein, ihre Gäste zu sein: “Beautiful lady, come here and try something of my beautiful food. You are so pretty. Try my food.“ Mit solch gestärktem Selbstbewusstsein trat ich tapfer einen Schritt vor, und schon hatte ich einen Holzstab in der Hand, um den sich gräuliches Schlangenfleisch wickelte. “ Snake! You want? You want Scorpions? Seehorse? Crunchy Magots? Jellyfish?“ Zwischen mir und den Verkäufern lagen Armeen aufgespießter Skorpione, die ihren giftigen Schwanz angriffslustig in die Höhe reckten. Etwas weiter vorne fädelten sich dicke braune Maden auf einem Spießchen „to go“ neben schwarzen Käfern auf. Eine abscheuliche Delikatesse nach der anderen gab sich den Staffelstab in die Hand bzw. in die Kralle. Es gab Quallenpudding, Seesterne, gebackenes Eis und besonders irritierend Seepferdchen, die wie ein Miniatur-Steckenpferd auf der Spitze eines Holzspießes thronten.

Hunderte von Touristen ließen sich mit uns von diesem bunten, lauten Krach hypnotisieren, und als wir am Ende der Promenade angelangt waren, war ich fix und fertig und hundemüde. Mit letzter Kraft schleppte sich die „pretty longnose lady“ mit ihrer männlichen Entourage zurück zum Hotel, und noch bevor ich den Mantel ablegen konnte, war ich eingeschlafen, und ich träumte von einem Bienenbart und Killerameisen.

KLEE in Wuhan Tag 6

toilet hot pot delight

So bzw. von einem irgendwie ähnlichen Hot Pot erzählt Suzie vom fünften oder besser gesagt sechsten Tag in Wuhan China.
Wo die Schlangengurken noch poliert werden,

Die Geister, die ich rief …

Heute wollen wir es mal etwas ruhiger angehen lassen. Nach dem gestrigen, opulenten Hot Pot hat sich unsere Reisegruppe halbiert. Genau wie meine Familienpackung Iberogast! „Herr, die Not ist groß! Die ich rief die Geister, die werd ich nicht mehr los.“ Schließlich sind wir ja auch auf Einladung des Goethe Instituts hierher gereist…nur um die durchschlagende Bilanz des Abendessens mal eloquent zu umschreiben und um den genannten Hot Pot nicht allzu wörtlich zu nehmen.

Der Chinese an sich zeichnet sich im alltäglichen Sprachgebrauch ebenfalls durch eine spezielle Eloquenz und einen, für uns, sonderbaren Humor aus. Isst ein Kind z.B. seinen Reis nicht auf, wird ihm damit gedroht, dass es Pickel bekommt. Der Reis wandert dann eben ins Gesicht. Ein beliebter Witz hierzulande lautet: „Guckt der Teufel in den Spiegel und stirbt.“ ??? „Stirb!“ bzw. „Geh zum Teufel“ lautet übrigens auch die Übersetzung unseres saloppen Abschiedswortes „Tschüss“. Da muss man in China höllisch aufpassen!

Bei der Essensbestellung in einem Restaurant wird sehr lange mit dem Kellner über die Speisekarte diskutiert. Unsereins fragt sich, über was da wohl so lange gesprochen wird? Über die Kinder? Rücken? Oder über Tipps zur Fleckenentfernung? Nein, mitnichten! Es wird die ganze Zeit über die Speisen geredet. Denn es steht in so einer chinesischen Speisekarte eben nicht einfach drin: Heute Tagesangebot! Frischer Frosch süß/sauer, sondern die aufgelisteten Nahrungsmittel lassen sich unendlich über- und untereinander kombinieren. Dafür braucht man die Gabe eines Bobby Fischers oder das Talent eines Garri Kimowitsch Kasparow oder einfach nur viel Geduld und Spucke.

Heute haben wir es, wie gesagt, ruhig angehen lassen. Hans dachte sich wahrscheinlich, wenn die Übriggebliebenen der Hot Pot nicht zur Strecke gebracht hat, dann versuch ich es mal mit einem original chinesischen Markt. Wow! Ein optischer und vor allem ein olfaktorischer Karneval.

Rund um die überdachte Markthalle bieten allerlei Händler ihre Waren an. In überdimensional großen Körben, Wannen und Schalen wartet das frische Gemüse auf Kundschaft. Knallgrüne Paprikaberge liegen neben tief violetten Auberginenhügeln, flankiert von säuberlich sortierten Spezialitäten aus dem ganzen Land. Zwischendrin dampfende Garküchen, die z.B. die in Wuhan sehr beliebten knusprigen Entenhälse anbieten. Inmitten dieser exotischen Gemüselandschaft hocken die Händler auf ihren kleinen Höckerchen und schlürfen ihren Tee oder ihre Nudelsuppe, polieren Schlangengurken, machen ein Nickerchen oder unterhalten sich lautstark mit der Konkurrenz. In China gilt die Tomate übrigens als Obst und wird gerne mit Orangenstücken zusammen auf einem Schaschlikspieß gefädelt und mit einer Zuckerglasur als süßer Snack genascht. Wie die Paradiesäpfel, die es bei uns auf der Kirmes und auf Jahrmärkten gibt.

Das würde dann auch endlich erklären warum man in Österreich „Paradeiser“ zur Tomate sagt. Sicherlich werde ich während unseres Aufenthalts in diesem aufregenden, wunderbaren Land auch noch das große Nudelgeheimnis lösen! Hat Marco Polo das global äußerlich beliebte Hartweizenprodukt nun von China nach Italien importiert oder war es andersrum? Was war zuerst da, das Huhn oder das Ei?

Eier gibt es auf dem Markt in einer Variations- und Güteklassevielfalt wovon der gute, alte Osterhase nur träumen kann. Weiße Eier, braune Eier, große Eier, kleine Eier, grüne Eier, gefleckte Eier. Ei-gelb, Ei-weiß, Ei-phone.

Auf das Huhn komme ich dann später, nach der nächsten Maus, zurück. Jetzt passieren wir erst einmal die Gewürzstände. In großen Säcken präsentieren sich prachtvoll die verschiedenen Pfeffersorten, Sternanis und Undefinierbares, umgeben von ausgelegtem Ingwerknollen und knallrot leuchtendem, getrocknetem Chili in Schotenform, pulverisiert, grob und fein gehackt. Ein fantastisches Fest für alle Sinne! Gleich daneben winkte uns schon die freundliche Reisfachverkäuferin zu.

Und was soll ich sagen: Ja! Es gibt doch tatsächlich echten Reis in China. Wir waren schon kurz davor dies anzuzweifeln, denn bisher gelang es uns noch nicht wirklich, in einem der vielen Restaurants, in denen wir bislang zu Gast waren, Reis zum Essen zu bestellen. Aber jetzt und hier glänzte er, wie Diamanten in der Sonne, mit der Verkäuferin um die Wette.

Als wir den überdachten Teil des Marktes betraten, standen wir direkt vor den Fischauslagen. Die Fische lagen allerdings nicht friedlich und tot auf kühlendem Eis, nein, sie tummelten sich relativ lebendig in kleinen Glasbecken, und von Zeit zu Zeit versuchten sie sogar, in ein anderes Aquarium zu flüchten. Die gestrenge „Fischaufseherin“ untergrub aber jeden Fluchtversuch, fischte behände den Ausreißer heraus und schmiss ihn wieder zu Seinesgleichen. Beobachtet wurde sie dabei von uns und einer Langhalsschildkröte, die in einer hellblauen Plastikschüssel die letzten Stunden ihres Lebens verbringen musste. Hinter der Schildkröte wurde gerade ein Kartoffelsack voller lebender Kröten mit einem Wasserschlauch frisch gespritzt und dann wie ein Kopfkissen aufgeschüttelt und wieder an der Theke platziert. Hans wunderte sich, dass es bei uns so etwas in der Form gar nicht gibt, und leider mussten wir ihm auch den Zahn ziehen, dass wir in Deutschland Fischblasen (oder waren es Fischmägen?) nicht zu den alltäglichen Köstlichkeiten zählen.

Zurück zum Huhn. Das Eier legende Federvieh fristete, zusammengepfercht und übereinander gestapelt, sein Dasein in dicken Stahlkäfigen. Manchmal streckte eine Gans neugierig den Hals mitten aus dem Hühnerhaufen hervor, und als ich das mit Blut und Federn beschmierte Hackebeil entdeckte, wollte ich schlagartig diesen Ort verlassen. Ich eilte vorbei an hängenden Tierkadavern, Stinketofu und Hausfrauen. Hinaus an die Luft, an die Sonne, zurück zu den friedlichen Reiskörnern, den lieben Maiskolben, den unschuldigen Knoblauchzehen, Äpfeln, Drachenaugenfrüchten und Kohlsorten. Draußen angelangt, gab es an der Straßenecke einen Menschenauflauf vor einem Hofeingang. Die Leute streckten gänsemäßig ihre Hälse in die Höhe. Es herrschte eine aufgeregte Stimmung. Zwei Polizisten rannten in den Hof hinein. Wir fragten Hans, was denn da wohl passiert sei und er sagte: „Ich weiß es nicht genau, entweder ein Diebstahl oder ein Mord.“ Das reichte.

Heute Abend, in dem belgischen Restaurant „La Brussels“, zu dem uns der Besitzer David gestern eingeladen hat, werde ich mich, wie Pele, ausschließlich vegetarisch ernähren. Basta.

Wir sind zurück zum Hotel und gingen anschließend zum Festivalgelände, um Ralf Brendle und seine „Quetsche“ (wie er selbst in reinstem schwäbisch zu seinem Instrument sagt) und Tele zu sehen. Zwei wirklich wunderschöne Konzerte! Dann war die Zeit gekommen, sich von den Organisatoren und Mitarbeitern zu verabschieden. Es fiel uns allen furchtbar schwer Adieu zu sagen, denn abgesehen von den tollen Konzerten und der perfekten Organisation sind hinter der Bühne alle mit so viel Herz und Seele dabei gewesen, dass der Abschied schmerzt. Vielen, vielen Dank an alle! Mit extra Kuss an Connie Knorr, Udo Hoffmann, Chang Hsienjen, Zhang Angie, Hans, Judith Schmidt, Nehr Ebi, Wu Gibson, Mathias, Jan, den Botschafter Dr. Michel Schäfer und sein Team, Martin Fleischer, Herrn Kahn Ackermann und das ganze Goeth-Institut und alle vom DUC und natürlich einen Kuss für das wunderbare Publikum in Wuhan! Man soll gehen, wenn es am Schönsten ist. Gerade das fällt uns besonders schwer. Morgen Früh fliegen wir mit der Käsefuß-Airline nach Peking. Gute Nacht, der letzte macht das Licht aus!

Daniel berichtet über Tag 5 in Wuhan

Wuhan Strassenreinigung

11:00 Uhr morgens, und nichts schreit mich an.

Was ist da los in China?! Hier war doch immer alles so laut, als ich das letzte Mal hier war. Wuhan scheint da anders zu sein. O.K.- am, für Mitteleuropäer undurchschaubaren, Verkehr hat sich nichts geändert. Außer, dass hier nicht jeder meint, das Vorhandensein einer Hupe an seinem Auto zwinge ihn, selbige auch ständig zu benutzen sobald er fährt. Wir haben heute frei. Wie auch die nächsten Tage, aber heute ist der erste freie Tag, den man auch als solchen empfindet.

Gestern war unser zweites und leider diesmal auch letztes Konzert, und die folgenden Tage werden wir nutzen, um uns Wuhan und Peking noch mal ganz genau anzuschauen… Ich werde heute gleich mal damit anfangen: Der Tag steht zur „freien Verfügung“ und meine Bandkollegen frönen unterschiedlichsten Dingen wie Songschreiben, Fotos machen, Souvenirs kaufen, etc.. Ich wiederum werde zusammen mit Oli und Piotrek, unserem Backliner, sowie den Kollegen von Tele zu einem Park fahren, der auf einer Insel liegt. Gesagt, getan.

Unser Hotel ist so groß, dass es eine eigene Bushaltestelle verdient zu haben scheint. Jedenfalls fährt der Bus genau gegenüber unserem Foyer ab. Für umgerechnet 20 Cent fahren wir ca. eine halbe Stunde. Hallo!? Hat die Rheinbahn mitgelesen? Wir fahren für 20 Cent eine halbe Stunde Bus!! Für 20 Cent fährt man in Deutschland leider nirgendwo mehr hin und erst recht nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln… Wie dem auch sei. Am See angekommen setzt unsere recht große Reisegruppe über, und die Entscheidung für Motorboot oder Ruderboot fällt bei der augenscheinlichen Größe des Sees nicht sonderlich schwer.

Am Zielort angekommen, stellt sich die Frage, ob wir für umgerechnet 4 Euro pro Person anlegen und in den Park gehen, oder für 2 Euro einen etwas „inoffiziellern“ Eingang in den Park wählen. Zu diesem Zeitpunkt wird uns natürlich leider nicht mitgeteilt, dass man wenn, man sich für Variante 2 entscheidet, auf etliche Sehenswürdigkeiten verzichten muss. Deutsch veranlagt, wie unsere Reisegruppe nun mal unweigerlich ist, entscheiden wir uns für die billigere Alternative. Zum Glück!!

Die Sehenswürdigkeiten begrenzen sich auf Affen, die irgendetwas tun, was unser Übersetzer leider nicht ins deutsch übersetzten kann (oder will). Und so kommen wir (sparsam wie wir nun mal sind) in den Genuss, mal wieder in China Rodelbahn zu fahren. Ein Wahnsinnsspaß!! Zurück an der Talstation wird von unserem Booker Ben , der ebenfalls dabei ist, ein Nachmittagsmahl bestellt.

Da er der chinesischen Sprache genauso unmächtig ist, wie der chinesische Gerichteverkäufer der deutschen, wird die Bestellung zu einer Stand-Up Comedy-Show sondergleichen. Ich muss jedoch mit Respekt festhalten, dass nach der Zuhilfenahme eines Taschenrechners zumindest Einklang über den Preis herrschte, den wir für unser Essen zu zahlen hatten. Nach einem hervorragenden Reisgericht wird die Heimreise ins Hotel angetreten. Busfahrt, Fahrt über den See, Rodelbahn und die Risikowahl des Essens sind aber auch in der Tat genug für einen Tag China.

Nach einer kurzen Regenerationszeit auf dem Hotelzimmer geht es, diesmal um die bis hierher fehlenden Bandkollegen erweitert, sofort weiter zum „Hotpot“-Essen. Ich habe in der Vergangenheit bereits erwähnt, dass sich mein Interesse für überscharfes Essen in Grenzen hält.

Ich muss jedoch zum zweiten Mal in China feststellen, dass eine gewisse Süchtigkeit nach scharfem Essen auch von meiner Seite nicht von der Hand zu weisen ist. Man muss nur beachten, dass man nicht sofort mit den Speisen für hart Gesottene einsteigt. Nähert sich man dem Thema „chinesische Schärfe“ in einer Zeit von 20 Minuten, ist man auch in der Lage, Speisen zu sich zu nehmen, die einer Betäubung des Mundraums bei einem in Deutschland ansässigem Zahnarztes ähneln.

Der Abend endet (wie so ziemlich jeder bei unserem Aufenthalt in Wuhan) in der Churchbar. Lange ging es mal wieder, und nachdem, neben etlichen anderen, auch unser Pele zum zweiten Mal sein Soloprogramm auf der „Open Stage“ zum besten gab, konnte man ein weiteres Mal glückselig ins chinesische Hotelbett fallen.

Wuhan, wir mögen Dich!!

Neue Tourtagebucheinträge von KLEE aus Wuhan/China

Da irgendwo sind unsere Lieben, (Tourist Map of Wuhan)

Tourist Map of Wuhan

Ihre Eindrücke aus Wuhan berichtet Suzie auf www.kleemusik.de,

Wuhan, Tag 2: Das erste Konzert mit Knollennasen in Hündchensuppe

Ein glühendes, grelles, gelbes Licht reißt mich aus dem Tiefschlaf. Nach einem Moment der Orientierungslosigkeit stelle ich fest, dass ich immer noch ich selbst bin, mein Körper in Wuhan/China im Bett liegt und ich gestern versäumt habe, den dicken Vorhang wieder zuzuziehen nachdem ich versucht hatte, einen Blick auf den Jangtse zu werfen, der sich im nächtlichen „Smo(g)king“ an mir vorbei schummelte. Jetzt schien er, mit der Sonne verbündet, mich anzuschreien, damit ich endlich aufstehe, um ihn zu bewundern. Gedacht, getan.

Somit kam ich dann doch noch pünktlich zum Soundcheck. Der Soundcheck verlief bestens und irgendwie fühlte es sich so an, als hätten wir erst gestern hier auf der Bühne gestanden. Alles beim „Alten“ sozusagen. Das Team und die Bühnenmanagerin Judith kennen wir schon aus Shenyang, und wir freuten uns alle sehr, sie wiederzusehen.

Die knappe Zeit zwischen dem Soundcheck und dem Konzert nutzten wir, um uns in Wuhan etwas umzusehen. Zusammen mit Hans, unserem chinesischem Betreuer, liefen wir die große, viel befahrene Uferstraße entlang. Wir bewegten uns ungefähr so schnell wie die Zeitlupenaufnahme einer 100 Jahre alten Schildkröte. Ständig blieb jemand staunend stehen und fotografierte eines der bizarren, architektonischen Glanzstücke Wuhans, kaufte sich ein kühles Wässerchen oder versuchte durch ein Päuschen im Schatten der Hitze zu entkommen. Aus der Ferne hörten wir eine Kapelle spielen, und je näher wir kamen, desto schöner klang die Musik.

In einer Seitenstraße hatten sich Musiker versammelt, die herzergreifende und auch sehr laute Musik spielten. Da waren Trompeten, Schlagzeug, Geigen, Kontrabass und mehr, und alle Musiker saßen auf der Straße und spielten so wunderschön, dass es mir ganz feierlich wurde. Die Straße war geschmückt mit knallbunten Riesenfächern und der Boden war rot bedeckt von unzähligen, zerplatzten „Chinaböllern“ – ähnlich wir bei uns nach der Silvesternacht.
Hans erklärte mir, dass so etwas hier typisch sei und alles zu Ehren eines sehr alten und sehr toten Menschen geschieht, es sei aber keine Beerdigung, sondern eine Feierlichkeit, womit man die Freude über das hohe Alter des Toten zum Ausdruck bringt und das Verständnis dafür, dass dieser Mensch jetzt müde war und gehen wollte. Wenn ein sehr alter Mensch gestorben ist, ist es in China eine ebenso große Freude wie die Geburt eines Menschen. Eigentlich ein sehr schöner Brauch.

Kurz darauf liefen wir doch tatsächlich Elisa und Katharina in die weit ausgestreckten Arme. Die Beiden haben uns im Sommer in Shenyang betreut und sind mittlerweile liebe Freundinnen von uns. Sie sind nun extra nach Wuhan gekommen, damit wir uns noch mal wiedersehen können. Jetzt waren wir schon zu elft in unserer Reisegruppe. Wir gründeten schnell eine deutsch-chinesische Fußballmannschaft mit dem Namen FC Langnase. Leider wollte niemand von uns ins Tor und so schlenderten wir weiter durch die Straßen Wuhans, begleitet von drei Chinesen und vielen, vielen Blicken. Vielleicht dachten die Menschen, die wir passierten doch, dass wir ein Fußballverein sind? Jedenfalls kann ich mir jetzt eine vage Vorstellung davon machen, wie sich die Familie Pitt-Jolie fühlen würden, wenn sie einen Bummel durch Köln machten.

Jetzt wurde es auch schon richtig Zeit, zur Deutsch-Chinesischen Promenade zurückzukehren, denn schließlich gab es ja noch ein Konzert zu spielen. Pünktlich, wie es nun mal unsere Art ist, standen wir am Bühnenrand, und nach der charmanten chinesischen Ansage ging es los.

Ich war sehr aufgeregt, ob das Publikum meine chinesischen Ansagen überhaupt verstehen würde. Nach dem ersten Lied hatte ich die Gewissheit, dass es irgendwie funktioniert haben muss. Spätestens bei dem chinesischen Lied über die Yasminblume „Mo li hua“ tanzte die Stimmung einen heißen Rock’n’Roll.
Dass ich bei „Gold“ den Konfettishooter, der vor Ort extra für uns besorgt wurde (da ich meinen eigenen aufgrund der strengen internationalen Flugregelung nicht mitnehmen durfte), mangels Muskelkraft nicht aktivieren konnte, tat der Stimmung keinen Abbruch. Am Ende des Liedes holte ich, kraft einer kleinen spontanen Hypnose einen Bühnenarbeiter zu mir, und das goldene Konfetti glitzerte doch noch im Nachthimmel. Das stand aber in keinem Verhältnis zum Leuchten der abertausenden Hände, die sich bei „Über mir die Sterne“ in die Höhe streckten und zur Musik hin und her wiegten. Wuhan wo ai ni men!

Der Tag war aber lange nicht zu Ende. Nach dem Konzert sind wir mit „Mit“, die gerade in Wuhan angekommen waren und am nächsten Tag ihr Konzert spielen würden, gemeinsam Essen gegangen.
Es war sehr lustig zu sehen, wie die „Mit’s“ am Tisch saßen und die Speisen mit einem gesunden Misstrauen begutachteten. So müssen wir wohl auch ausgesehen haben, als wir zum ersten Mal an einem runden Drehtisch saßen und die unzähligen fremdartigen Speisen auf das Drehkarussell gestellt wurden.
Wir konnten ihnen aber zumindest die Angst vor den Erbsen, die sich in Bohnen verstecken und die man aus dem Bohnenanzug herauslutschen muss, nehmen. Ein Bayer würde dazu „zuzzeln“ sagen. Unser Lieblingsgericht, dass so ähnlich klingt wie “Verzeih“ und unverkennbar aus gekochtem Chinakohl mit Knoblauch und Chilli besteht, fand auch großen Anklang.

Als Hans uns aber fragte, ob wir gerne „Esel“ essen wollten, war selbst bei den hart gesottenen Pferdemägen die Toleranzgrenze erreicht. Als Alternative dazu brachte uns dann die Kellnerin eine große Schüssel „haarige Nasensuppe“.
So schnell wie wir unsere Köpfe von den hellrosa bis fleischfarbenen Schweine- und Menschennasen ähnelnden Stücken, die aus der Suppe herauslugten, abwandten, konnten uns Hans, Elisa und Katharina gar nicht erklären, um was es sich da genau handelt. Zur Beruhigung fielen Worte wie „Gemüse“ und „Hündchensuppe“ und etwas, das klang wie „sehr lecker“. Als sich im allgemeinen Durcheinander dann doch herausstellte, dass die „Hündchensuppe“ keineswegs aus Hund gekocht wird, sondern aus einem harmlosen Huhn, war klar, dass es für einen Chinesen, hoffentlich nur in der Aussprache, keinen großen Unterschied zwischen Hühnchen und Hündchen gibt. Da hatte sich Felix, der Drummer von „Mit“ auch schon ein Näschen genommen und in seiner selbsternannten Funktion als Vorkoster verkündete er, dass es sich geschmacklich in der Nähe unsere Kartoffel befände, wenn nur die Haare nicht wären. Die Nasenhaare? Um das herauszufinden, wetzte ich nun meine Stäbchen und fingerte mir beherzt auch eine Nase aus dem Topf. Es stimmte: es schmeckte etwas kartoffelig und die Haare waren Fäden, die sich in der Struktur der Substanz befanden, aber nicht „haarig“ schmeckten.

Der Übersetzungscomputer half dann endlich, das Rätsel der geheimnisvollen Nasensuppe zu lösen. Es handelt sich um eine Lotuswurzel. Lotuswurzeln sind die stärkehaltigen Knollen der gleichnamigen wildwachsenden Pflanze. Sie werden in Asien bereits seit mehr als 3000 Jahren in der Küche verarbeitet. Ich bin trotzdem froh, eine Familienpackung „Iberogast- Magentropfen“ dabei zu haben. Sicher ist sicher. Was sind schon 3000 Jahre? Morgen ist erstmal ein neuer Tag und ich freu mich auf ein neues Abenteuer. Gute Nacht, Jangtse!

Daniel wird diese Crashbecken vielleicht auch kennen (apropos Wuhan),

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Suzie berichtet auch vom dritten Tag im fernen „Land des Lächelns“ mit einem Lächeln,

Wuhan 3. Tag: Rot, Rot, Feuer, Feuer

Heute wollen wir die gelbe Kranichpagode besichtigen. Dafür müssen wir auf die andere Seite des Jangtse. Für uns Kölner sozusagen auf die „Schälsick“. Wir haben uns für eine Überfahrt mit der Fähre entschieden.

Bei schönstem Sonnenschein setzten wir über. Es war abenteuerlich zu sehen, wie wir uns zwischen den großen Schiffen und den kleinen ursprünglichen Fischerbooten den Weg zum anderen Ufer bahnten. Vorbei an der modernen Skyline von Wuhan, der ersten Brücke, die über den längsten Fluss Chinas gebaut wurde, und dem künstlich geschaffenen Land, dort, wo der Han Fluss in den Jangtse mündet.

An der Kranichpagode angekommen erfuhren wir, dass der Turm seine Berühmtheit durch den Dichter Cui Hào erlangte, der seinerzeit, im achten Jahrhundert, das Gedicht mit dem Namen „Huanghe-Turm“ schrieb. Wir erfuhren auch, dass der ehrfurchtsvolle Turm aufgrund der Bauarbeiten zur ersten Brücke über den Jangtse abgerissen wurde und in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts (genau 1985) wieder errichtet wurde. Maßstabsgetreu. Wir sind trotzdem die 51 Meter hoch ins 5. Stockwerk geklettert und hatten eine wundervolle Aussicht auf Wuhan und die Umgebung.

Die vielen chinesischen Besucher des Gebäudes schienen sich nicht nur für die Pagode und ihre Geschichte zu interessieren, sondern anscheinend war ich genauso eine touristische Attraktion. Ich weiß nicht genau, ob ich an dem Tag nicht einmal mehr fotografiert wurde als der gelbe Kranich. Was aber wohl nicht nur an meiner abendländischen Erscheinung lag, sondern an der Kombination aus Langnasenfrau mit rotem Kleid und roten Schuhen. Rot steht in China für Glück, Freude und Wohlstand. Hans erklärte mir, dass rot die Farbe des chinesischen Frühlingsfestes oder Neujahrsfestes ist und es ein Sprichwort gibt, was in der Übersetzung viel Raum für eigene Interpretation zulässt: „Rot, Rot, Feuer, Feuer.“

Apropos Feuer, nach der Sightseeingtour hatten wir alle mächtigen Durst, und auf dem Weg in ein chinesisches Restaurant durchquerten wir eine Straße, an der rechts und links kleine Garküchen dampfende und duftende Speisen angeboten wurden. Elisa und Katharina stoppten das ein oder andere Mal und kauften kleine Snacks. Zuckersüße Klebreisbällchen am Spieß, eingelegter Stinke-Tofu, der mit einer Art Mixedpicklesaroma versehen war und Waffeln in Fischform mit einer schwarzen Bohnenfüllung.

Im Restaurant angekommen stellten wir fest, dass es dort gar nicht die Wuhaner Spezialität namens „Reg an mian“ gab. Machte aber nix, denn die Kellnerin bot uns an, die „Hot Dry Noodles“, wie sie auch genannt werden, in einem anderen Geschäft zu kaufen, und wir könnten sie in ihrem Restaurant essen. In China ist alles möglich. Die Nudeln wurden uns gebracht, und mit ihnen kam das Feuer. In Form einer höllenscharfen, schwarzen Sesamsoße, die sich etwas mehlig und zäh um die weichen dicken Nudeln klebte. Köstlich!

Auf dem Weg zurück zur Fähre hörten wir wieder laute handgemachte Musik auf der Straße. Diesmal war es keine Feierlichkeit zu Ehren eines Verstorbenen, sondern eine schnöde Shoperöffnung. Trotzdem wurden wir magisch angezogen und schauten dem Treiben zu, als der Schlagzeuger plötzlich Daniel aufforderte, sein kleines Schlagzeug zu spielen. Daniel rannte rot angelaufen davon, und so wurde ich von der Sängerin aufgefordert, mit ihr zu tanzen. Sie spielten extra ein Lied für uns. Nach einer Minute bildete sich eine Menschentraube bis auf die viel befahrene Straße. Das war ein großer Spaß.

Lustig war es wohl auch, als sich Pele kurz darauf ein Shampoo kaufen wollte. Er dachte sich, am besten gehe ich in einen Frisiersalon, und als er mit Händen und Füßen anzeigte, was er wollte, verstanden die Friseure nur, dass er sich die Haare waschen lassen wollte. Als er das verneinte, wollte man ihn föhnen. Aber schlussendlich hatte Pele dann doch Erfolg und kam ohne neuen Haarschnitt und mit einer Literflasche Shampoo glücklich aus dem Salon.

Auf dem Weg zurück zur Fähre lief uns doch tatsächlich Ralf aus Bielefeld über den Weg. Er war gestern auch schon beim Konzert. Ich sah ihn in der 2. Reihe auf und ab hüpfen. Verrückt! Gemeinsam fuhren wir zurück und gingen anschließend zu den deutsch-chinesischen Promenaden, um die abendlichen Konzerte zu sehen. Durch die Verspätung unseres ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder verpassten wir leider die Band „Mit“, denn das Programm wurde um Herrn Schröder rumgestrickt. Schade. Bemerkenswert allerdings ist, dass Herr Schröder hier in China immer noch mit „Herr Bundeskanzler“ angeredet wird. Hier verliert man seinen Titel eben einfach nicht.

Nach dem Konzert von Super 700 sind wir dann mal in unsere Hotelbar gegangen im 39. Stockwerk. Das lockte mich schon seit unserer Ankunft. Auf unserem Hotel liegt nämlich ein riesengroßer, goldener Ping-Pong Ball, in dem sich die „Sky-Lounge“ befindet. Diese Kugel ist mindestens so groß und rund wie der Ball des Ostberliner Fernsehturms (auch „Telespargel“ genannt). Dort feierten wir in den Geburtstag von Super700-Michael hinein mit tollen Geburtstags-Ständchen auf deutsch, chinesisch, holländisch und polnisch. Und jetzt schnell ein bisschen schlafen. Morgen geht’s weiter. Ich freu mich! Ik verheug! Oczekuj

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Kranichpagode 1.Stock

Danach ist Sten wieder dran mit seiner Betrachtung des vierten Tages in Wuhan,

Wuhan, Tag 4: Unser zweites Konzert
Es scheint immer wärmer zu werden in Wuhan, obwohl auch hier nun langsam der Herbst Einzug halten müsste. Aber der morgendliche Blick aus dem Fenster auf den Jangtse und die Stadt verrät schon, dass auch der heutige Sonntag wieder sommerlich heiß werden würde.

Der Weg zum Soundcheck führt durch den Park vor dem Hotel. Hier wird sonnenbeschirmt flaniert und ausgiebig den sonntäglichen „Parkaktivitäten“ gefrönt, die wir schon in Shenyang bestaunt haben: Gymnastik, Kartenspielen, Musizieren, Drachensteigenlassen und vielem mehr.
Vor der Bühne stehen schon jetzt – um 11.30 Uhr – annähernd 300 Menschen, die gespannt und geduldig unseren Soundcheck verfolgen und scheinbar jede noch so banale „Bewegung“ mit Fotoapparaten und Videokameras festhalten. Beim obligatorischen Anspielen der einzelnen Instrumente erntet sogar jeder von uns stürmischen Beifall;) Und während wir „Soundchecken“, laufen im Hintergrund über die riesige LED-Wand Einspielfilmchen zu allen vertretenen Künstlern: Bei uns haben sich lustigerweise neben den Auschnitten aus KLEE-Videos auch einige Sequenzen aus Ralley-Zeiten „eingeschlichen“! Eine nette und ehrenvolle Überraschung!; ) Die Vorzeichen für den heutigen Abend, an dem wir als letzte auftreten werden, stehen also schon mal nicht schlecht. Die Zeit bis dahin verbringen wir – wie könnte es anders sein – mal wieder mit Essen. In unserem neuen kleinen Lieblingsrestaurant, gleich um die Ecke vom Hotel, in einer Straße voller Garküchen und Imbiss-Stände, bestellen wir inzwischen Vertrautes, entdecken aber auch heute wieder ganz neue Köstlichkeiten und sind begeistert von der Qualität und Vielfalt der chinesischen Küche.

Begeistert sind wir auch von dem, was uns am Abend dann an der Bühne „geboten“ wird: ein Menschenmeer, so weit das Auge blickt. Wahnsinn! Dazu eine Atmosphäre, die, trotz der wirklich schier unglaublichen Menge an Personen, ausgelassen und absolut friedlich ist. Es mischen sich Alt und Jung, ohne jede Drängelei, in für uns kaum vorstellbarer Eintracht und Freundlichkeit. Die ganze Szenerie wird so getragen von einer ganz wunderbaren positiven Stimmung. Wir genießen jeden Augenblick. Auch hinter der Bühne im Backstagebereich. Denn auch das Organisations-Team ist einfach nur spitze. Wir fühlen uns wie auf einem großen Familienfest. Unser Auftritt dann gegen 22 Uhr ist mit Worten kaum wiederzugeben. Wenn es keine Fotos gäbe, käme es einem sicher vor, als hätte man nur geträumt: die tausenden Hände, die sich uns entgegenstreckten, die strahlenden Gesichter von ganz vorn am Bühnenrand bis weit hinter den FOH-Turm, wo Oli mit dem Mischpult steht, den Klang, den tausende mitsingende Stimmen bei „Mo li Hua“, unserem chinesischen Lied, machen, den man zwar nicht fotografieren kann, aber unauslöschlich im Ohr behält. Das sind wirklich unvergesslich schöne und bleibende Eindrücke.

Backstage gab es dann später nicht nur unseren schönen Auftritt zu feiern, sondern auch einen weiteren Geburtstag, und zwar den von Francesco von Tele. „Traditionell“ schon mittlerweile ging es dann geschlossen zur „Church Bar“, wo ebenfalls „traditionell“ nun jede Nacht gefeiert, musiziert und gejammt wird. Den Auftakt heute machte unser Pele, als er gegen 2 Uhr den ehemaligen Altarplatz, der nun eine opulent dekorierte Bühne ist, betrat und frisch drauf los spielte: alte Astra-Kid Songs und auch Stücke aus seinem „Pele Caster“ Programm. Begleitet wurde er spontan von Martin Fleischer, dem Kulturattaché des Goethe-Instituts, am Bass. Felix Hoffmeyer von „Drone“ an den Congas und Ralf Brendle am Akkordeon. Eine fürwahr exotische, aber tolle Combi…äh..Combo..; )

Auch Tele ließen sich nicht lumpen, und Francesco gab sich selbst ein nachträgliches Geburtstagsständchen, inzwischen war es nach vier… Wir beschlossen aber, bis Fünf durchzuhalten, denn Elisa und Katharina mussten um 5.30 zum Flughafen und da machte es keinen Sinn , ins Bett zu gehen. Wir wollten sie aber natürlich gebührend verabschieden und so gab es im Morgengrauen vor dem Hotel eine große tränenreiche Verabschiedungszeremonie, wohl wissend, dass wir uns ganz sicher wiedersehen werden, und während die beiden ins Taxi stiegen, fielen wir der Reihe nach erschöpft aber glücklich in unsere Betten.